Keine Filmvielfalt, nur noch viele Filme

Während der Beschäftigung mit der Frage „was für Filme wird es denn im neuen Eiszeit Kino geben?“ sind wir auf einen alten Text aus den siebziger Jahren gestoßen, der einen seltsamen Bezug zur aktuellen Situation in den Programmkinos hat:

Über das Kinomachen (1972)

Von Hans Helmut Prinzler (damals Studienleiter an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin)

Vorwort zu einer Dokumentation

„In Berlin, in München, in Hamburg, auch in Frankfurt, in Köln und in Bremen gibt es  neuerdings Kinos, in denen man richtige Filme sehen kann. Es sind Kinos, bei denen die, die die Kinos betreiben, die Filme, die sie spielen, nicht verachten. Filme werden hier nicht zufällig gespielt oder weil es die Verleiher wollen oder weil ein paar Leute Eintritt bezahlen, um ihre Zeit totzuschlagen – Filme werden in den neuen Kinos sichtbar gemacht als Produkte gesellschaftlicher Bedingungen, als Produkte der ästhetischen und politischen Kraft von Regisseuren oder Filmemachern, als Produkte schließlich, die die Phantasie und das Bewusstsein ihrer Zuschauer aktivieren.“

Heute machen viele von diesen damals „neuen“ Kinos, die Herr Prinzler freudig begrüßte, genau das Gegenteil von dem, wofür sie einstmals einstanden. Die gesamte Branche, auch der kleine Teilmarkt der „Filmkunst“, ist nahezu gleichgeschaltet. Es gibt keine Vielfalt, nur noch viele Filme. Woran liegt das? Der Deal zwischen Kino und Verleih ist einfach: das Kino zahlt eine relativ hohe Ausleihgebühr (bis zu ca. 50% des Eintrittspreises), dafür übernimmt der Verleih die immer teurer werdenden Werbekosten. Ohne Werbung und Marketing wird ein Film unter vielen nicht wahrgenommen, auch in der Presse wird nichts auftauchen. Also kommt auch keiner ins Kino, weil niemand von der Perle der Filmkunst etwas gehört haben kann. Der wirtschaftliche Erfolg eines Filmeinsatzes wird für das Kino also durch das Versprechen der Verleiher, einen guten Job zu machen, abgesichert. Die Abhängigkeit der (Programm)Kinos von den Verleihern wächst mit deren Marketing- und Werbebudgets. Ein Teufelskreis ist entstanden. Hohe Kosten bedeutet hohes wirtschaftliches Risiko und das wiederum hat zur Folge, dass kaum mehr ein Verleiher ein inhaltliches Risiko eingeht. Und wenn dann doch der eine oder andere anspruchsvollere Film auftaucht, wird regelmäßig mit „Mitteln und Methoden des Marketings“ versucht, ein vielleicht sperriges Filmchen massentauglich zu verkaufen. Aktuell im Kino zu besichtigen: unter dem deutschen Titel „Mein Herz tanzt“ wird der neue Film von Eran Riklis vermarktet, der im Original „Dancing Arabs“ heißt. Diesen Titel wollte der Verleih natürlich in Deutschland niemandem zumuten, eine Mogelpackung musste her, dazu noch ein Plakatmotiv mit einem entzückenden jungen Paar. Das ganze könnte auch Werbung für ein schwäbisches Liebesfilmchen machen. Ein weiterer Grund für die Gleichschaltung und Weichspülung des Marktes liegt in der Spekulation „Erfolg lässt sich widerholen“. Wenn ein Film besonders viele Besucher hatte, tauchen in Folge Filme auf, die „… von den Machern von, … mit den Stars aus … usw.“  auftrumpfen und einen Trend beschwören wollen, der vielleicht gar nicht existiert.

Tatsächlich wird es immer schwieriger Filme zu finden die uns gefallen.

Unsere Überzeugung ist allerdings, dass es diese Filme gibt, nur sind sie aktuell leider selten bei deutschen Verleihern zu finden. Wir werden uns auf die Suche machen und bitten gleichzeitlich um „sachdienliche Hinweise“.